Kaffee in einer Stoffausstellung
Das Velvet and Silk Café war 1927 Teil einer Berliner Damenmodeausstellung. Lilly Reich und Ludwig Mies van der Rohe schufen einen Innenraum, in dem Besucher zwischen den ausgestellten Textilien sitzen konnten. Lange Vorhänge formten die Bereiche um die Tische.1
Das verändert die Aufgabe eines Ausstellungsmusters. Ein kleines Muster lässt dich Stoff zwischen den Fingern fühlen. Ein Vorhang, groß genug, um einen Sitzbereich zu umschließen, lässt Fall, Farbe und Raumwirkung beurteilen. Besucher begegneten dem Material in dem Maßstab, in dem Innenraumgestalter es verwenden würden.
Eine Vorhangkante kann einen Eingang markieren
MoMAs Darstellung beschreibt Goldgelb, schwarzen Samt und rote Seide. Sie verbindet diese Farben auch mit der Flagge der jungen Weimarer Republik: Die Caféfarbe gehörte zu seinem öffentlichen Umfeld.1
Die Stoffunterschiede zählen ebenso wie ihre Farben. Dichter Samtflor und Seidenglanz fangen Licht unterschiedlich ein. Eine dunkle hängende Bahn kann die Tische dahinter abschirmen; eine helle kann den Blick durch den Raum ziehen. Wo der Vorhang endet, erscheint eine Öffnung ohne Türrahmen.
So kann Stoff ein Café ordnen. Seine Kanten helfen Besuchern, einen Weg zu finden; seine Falten mildern die Kontur eines Sitzbereichs. Die Materialien bleiben ausgestellt und leisten zugleich die Arbeit der Raumteilung.
Der Stuhlteil, den du tatsächlich berührst
Reichs Arbeit an einem geflochtenen Stuhl bringt diese Materialaufmerksamkeit näher an den Körper. TECTAs Geschichte schreibt ihr und Mies die Flechtidee für den Weißenhof-Stuhl zu, Reich die Entwicklung gemeinsam mit einem Korbflechtmeister.2
Das hier abgebildete spätere TECTA-Exemplar zeigt, warum das ein wesentlicher Beitrag ist. Metallrohr umreißt den Stuhl, doch das Geflecht bildet die breite Fläche unter der sitzenden Person und hinter ihrem Rücken. Wie es den Rahmen überspannt, bestimmt das Sitzgefühl mit.3
1932 übernahm Reich die Leitung der Bauhaus-Weberei und -Ausbauwerkstätten. MoMAs Katalog und Ausstellung von 1996 verorten diese Verantwortung in ihrer Laufbahn als Gestalterin und Architektin.45
Cafévorhang und Stuhlsitz machen diese Laufbahn greifbar. Der eine legt Stoff um Menschen; der andere trägt sie direkt. Bei beiden leistet das Material zwischen den Konstruktionslinien wesentliche Arbeit.

