Ein Winkel zum Niederlassen
Ein Sessel kann entschieden wirken und dennoch einladend sein. Bei Gerrit Rietvelds Utrecht bleiben Armlehnen, Sitz und Rücken getrennte Polstervolumen. Jedes Teil hat eine klare Richtung, doch gemeinsam schaffen sie einen Platz für einen Menschen. Die Rietveld Foundation datiert den Entwurf auf 1935 und beschreibt den rechten Winkel zwischen vorderer Stütze und Armlehne.1
Folgt man diesem Winkel nach oben, fällt anschließend die geneigte Rückenlehne auf. Die beiden Bewegungen erfüllen unterschiedliche Aufgaben: Die eine bestimmt den Umriss, die andere öffnet darin einen Raum zum Zurücklehnen. Die Polsterung verwischt die Komposition nicht. Sie macht sie für den Körper zugänglich.
Polster mit erkennbarem Umriss
Polster verdecken häufig die Teile darunter. Utrecht hält seine gepolsterten Elemente lesbar. Breite Armlehnen rahmen den Sitz; der Rücken steigt dazwischen auf, ohne zu einem einzigen runden Kissen zu werden. Besonders von der Seite lassen sich die verschiedenen Neigungen gut unterscheiden.
So wird ein kantiger Einrichtungsgegenstand verständlicher. Ein fester Ausdruck und die Einladung zur Ruhe müssen sich nicht aufheben. Rietveld konnte mit erkennbaren Flächen arbeiten und ihnen zugleich Stärke, Stoff und einen häuslichen Maßstab geben. Interessant ist das Zusammenspiel dieser Eigenschaften.

Ein weiteres Kapitel der Herstellung
Cassina unterscheidet den Entwurf von 1935 von der eigenen Produktion ab 1988.2 Dieser Abstand gehört zur Geschichte. Ein Entwurf kann ein neues Herstellungsleben erhalten und dennoch seine frühere räumliche Idee bewahren.
Die Unterscheidung schärft auch den Blick: Ein heutiger Stoff, eine Naht oder eine Polsterspezifikation gehört zu einer Ausführung. Das Verhältnis zwischen aufrechter Stütze, Armlehne und geneigtem Rücken erklärt den Entwurf. Utrecht bietet eine angenehme kleine Entdeckung. Geometrie muss nicht strammstehen. Hier hat sie einen Sitzplatz gefunden.

