Der zusätzliche Stuhl bekommt einen eigenen Standpunkt
Ein Klappstuhl hat zwei Leben. Geöffnet muss er einen überzeugenden Sitzplatz bieten. Geschlossen muss er deutlich weniger Raum einnehmen. Plia macht die Beziehung zwischen diesen Zuständen sichtbar: Gestellteile und Sitz treffen an einem konzentrierten Gelenk zusammen, statt wie eine Sammlung unverbundener Scharniere zu wirken.
Giancarlo Pirettis Entwurf wird vom MoMA mit 1967 verzeichnet, mit Anonima Castelli aus Bologna als Hersteller. Das Museum bezeichnet ihn sowohl als Klapp- als auch als Stapelstuhl. Die Aufbewahrung gehörte somit zur Identität des Objekts und war kein nachträglicher Einfall für einen gewöhnlichen starren Stuhl.1

Drei Bewegungen am selben Treffpunkt
Castellis Darstellung hebt das Dreischeibengelenk hervor. Beim geöffneten Stuhl spreizen sich einzelne Teile zu einer tragenden Anordnung. Beim Schließen verändert sich ihre Beziehung zueinander um denselben kleinen Bereich. Die Kompaktheit des Gelenks macht eine komplizierte Bewegung ungewöhnlich gut lesbar.2
Die National Gallery of Victoria beschreibt ihren Plia anhand von Sitz- und Rückenplatten in einem Gestell, dessen Teile sich an Gelenknaben drehen. Das ist eine knappe Sammlungsbeschreibung, lenkt den Blick aber genau auf die nützliche Stelle: die Verbindung neben dem Sitz.3
Denke an diese Verbindung als eine Vereinbarung zwischen beweglichen Teilen. Ein Sitz kann nicht einfach aus dem Weg kippen, während die Beine weiterhin ihre volle offene Stellfläche beanspruchen. Jeder Teil braucht einen Weg zum verstauten Zustand, der die anderen berücksichtigt. Plia bündelt das Problem mechanisch wie optisch.

Ein Stuhl mit weniger optischem Gewicht
Die Version mit transparenten Platten macht das Gestell besonders leicht lesbar. Du kannst durch Sitz und Rücken schauen, statt auf zwei undurchsichtige Flächen zu treffen. Der Metallumriss tritt hervor, während die Sitzfläche den Raum dahinter scheinbar weniger unterbricht.
Das MoMA nennt verchromten Stahl, Aluminiumguss und ABS-Kunststoff für sein konkretes Exemplar. Dieser genaue Eintrag ist aussagekräftiger, als jeden durchscheinenden Vintage-Stuhl als dasselbe Material zu beschreiben. Der Entwurf kombiniert verschiedene Materialien, weil dünnes Gestell, örtlich konzentriertes Gelenk und breite Platten unterschiedliche Aufgaben haben.1
Transparenz beseitigt nicht die physische Stellfläche des Objekts. Sie verändert seine sichtbare Präsenz. Eine Reihe solcher Stühle kann Boden und umgebende Möbel durch die Sitze hindurch sichtbar lassen; das ist eine andere Wirkung als bei einer Reihe geschlossener Polsterrücken.
Platz schaffen, wenn die Gäste gegangen sind
Castelli präsentiert Plia weiterhin in seiner Produktgeschichte und verweist die Leser auf den Shop von Anonima Castelli. Der Stuhl bleibt als Möbel für Räume sinnvoll, deren Nutzung sich verändert.2
Der aufschlussreiche letzte Blick gilt der Seite bei geschlossenem Stuhl. Die Ausdehnung des offenen Gestells ist schmaler geworden, und der Sitz hat sich ihm angeschlossen. Ein Objekt, das eben noch einen Platz am Tisch beanspruchte, braucht nun einen viel kleineren Platz zum Warten. Das kleine Gelenk hat beide Leben geordnet.
